Continuum
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt.
Er voll der Mamorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
– Conrad Ferdinand Meyer
Der Römische Brunnen – ein Continuum fließenden Wassers: Drei übereinander angeordnete Schalen. Stetig füllt sich eine und überfließt in eine weitere, wodurch ein Kreislauf des Fließens sich selbst aus seinem Zentrum heraus nährt.
Die Erste Schale wird unmittelbar vom Zustrom aus dem Zentrum des Brunnens gefüllt. Aus der Fülle dieser Schale strömt das Wasser ganz von selbst durch das eigene Überfließen in die zweite Schale. Auch diese zweite Schale überfließt durch ihr Gefülltsein in die dritte Schale. Deren ebengleiches Überströmen füllt wiederum den Zustrom im Zentrum des Brunnens, der sich erneut im Brunnenstrahl übergeißt, und somit seinen Kreislauf inhärent nährt – Ein stetiges Fließen das strömt und in sich ruht zugleich.
Was ist die Symbolik des Römischen Brunnens? – Wenn ein stetiges Zuströmen von Leben in das Zentrum unseres Daseins fließt, so entsteht aus unserem Gefülltsein ganz natürlich ein Überfließen in unser unmittelbares Umfeld, und von da in unsere Beziehungen, Beruf, Lebensräume, in die Welt um uns, und stetig wieder zu uns selbst zurück: Vom Ich zum Du zum Wir zur Welt um uns und in uns – Ein Continuum.
So ein Sein lässt uns ein Erleben erfahren, das anders ist als „Geben“ oder „Machen“, „Bekommen“ oder „Kriegen“, „Nehmen“ oder „Leisten“. Es ist kein „Erzeugen“.
Wie lässt sich das Continuum erfahren? – Eine Schale und das Wasser zugleich Sein. Fließen und Ruhen. Ruhen und Fließen. Sein und Werden zugleich. Die Erkundung dieser Erfahrung fließt in meine Tätigkeit im Raum für Sein&Werden mit ein.
Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott.
Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen, und dann ausgießen.
Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle.
Wenn nicht, schone dich.
– Bernard von Clairvaux
